Karolin Seeberger Von Hamburg nach Chicago

Mechatronik-Auszubildende sammeln neue Erfahrungen am College

Fünf angehende Mechatroniker der Beruflichen Schule Farmsen BS19 in Hamburg verbrachten drei Wochen am Daley College in Chicago. 

Karolin Seeberger hat den Austausch gemeinsam mit Kollegen vorbereitet und begleitet. 

Im Interview berichtet sie, wie die Partnerschaft entstand, was die Auszubildenden aus dem Aufenthalt mitgenommen haben und welche Herausforderungen die Schule bei der Organisation bewältigen musste.

Frau Seeberger, stellen Sie sich und Ihre Schule kurz vor.

Ich bin Karolin Seeberger und unterrichte an der Beruflichen Schule Farmsen BS19. Wie die anderen staatlichen Berufsschulen in Hamburg gehört unsere Schule zum Hamburger Institut für Berufliche Bildung, kurz HIBB.

Wir haben ungefähr 1.800 Schülerinnen und Schüler, darunter rund 1.500 Berufsschülerinnen und Berufsschüler. Wir sind im Großen und Ganzen eine Schule für Medien und Technik, haben aber auch die Ausbildungsvorbereitung und weitere Vollzeitschulformen im Haus. Bei uns werden unter anderem Auszubildende in der Mechatronik, Feinwerkmechanik, Goldschmiedekunst, Uhrmacherei und Veranstaltungstechnik unterrichtet.

Ich selbst habe eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. Während meiner Ausbildung hatte ich keine Möglichkeit berufliche Erfahrungen im Ausland zu sammeln. Erst im Studium konnte ich einen Auslandsaufenthalt machen.

Karolin Seeberger
Ich habe mich damals gefragt: Wieso gibt es so etwas für Studierende, wieso gibt es das für uns in der Ausbildung nicht? Deshalb war es immer mein großer Wunsch, Auszubildenden einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen, bei dem sie auch berufliche Erfahrungen sammeln können.

Seit wann bietet Ihre Schule Auslandsaufenthalte an?

An unserer Schule gab es bereits vor meiner Zeit internationale Projekte. Auszubildenden einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen, bei dem sie auch berufliche Erfahrungen sammeln können. Auch unsere Uhrmacherinnen und Uhrmacher sind europaweit gut vernetzt und nehmen regelmäßig an Austauschprojekten teil.

Der Austausch mit Chicago war für uns das erste Projekt dieser Art im Bereich Mechatronik.

Wie sah der Aufenthalt in Chicago aus?

An dem Austausch nahmen fünf Mechatronik-Auszubildende im Alter zwischen 21 und 24 Jahren teil. Sie waren bereits etwas weiter in ihrer Ausbildung und brachten berufliche Erfahrungen mit. Gleichzeitig konnten sie am College an Modulen teilnehmen und Fähigkeiten erwerben, die sie hier noch nicht gelernt hatten.

Der gesamte Aufenthalt dauerte drei Wochen. In der ersten Woche waren die Auszubildenden und drei Lehrkräfte zeitgleich dort. Der Aufenthalt der Lehrkräfte war als Job Shadowing angelegt. Während dieser Woche lernten wir die Einrichtung, die Lehrkräfte und das Curriculum kennen. 

Nach unserer Rückreise blieben die Auszubildenden noch zwei weitere Wochen am College. Die Auszubildenden konnten Fähigkeiten lernen, die sie hier in dieser Form noch nicht erwerben konnten. Einige Ausbildungsbetriebe haben nicht die entsprechenden Möglichkeiten, und auch unsere Berufsschule verfügt nicht über dieselbe Ausstattung wie das College

Im Rahmen der Kurse konnten sie theoretisches und praktisches Wissen beispielsweise im Schweißen miteinander verbinden und Abschlusszertifikate erwerben. Gemeinsam mit den US-College-Studierenden wurden die Auszubildenden regelmäßig in lokalen Betrieben eingesetzt. Dort konnten sie ihre Fähigkeiten direkt anwenden und und Einblicke in den Arbeitsalltag gewinnen. Die College-Studierenden können sich auf diesem Weg als künftige Arbeitskräfte bei den Unternehmen persönlich vorstellen. 

 

Wie entstand die Partnerschaft mit dem Daley College?

Ich hatte die Aktivitäten der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in Chicago schon längere Zeit verfolgt. Die AHK arbeitet im Mittleren Westen der USA mit Unternehmen und Colleges zusammen, die Elemente der dualen Ausbildung umsetzen.

Ich habe Kontakt zu Myriam Klein von der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer aufgenommen und erklärt, wie ich mir das Projekt vorstelle. Mir war wichtig, dass die deutschen und amerikanischen Lernenden handlungsorientiert zusammenarbeiten. Über das gemeinsame Tun sollten sie nicht nur fachlich voneinander lernen, sondern auch sprachliche und kulturelle Erfahrungen sammeln.

Bei einem Online-Workshop hatte ich das deutsche duale Ausbildungssystem vorgestellt. Daran nahmen mehrere Colleges aus der Region Chicago teil. Beim Daley College passte es fachlich und menschlich sofort.

Karolin Seeberger
Der Funke ist sofort übergesprungen.

Die Städtepartnerschaft zwischen Hamburg und Chicago war ein weiterer passender Aspekt. Entscheidend waren für uns aber vor allem die fachliche Ausrichtung im Bereich Manufacturing und das Interesse an der dualen Ausbildung.

Warum reisten die Lehrkräfte gleichzeitig mit den Auszubildenden?

Im besten Fall hätten wir uns das College vor dem Aufenthalt der Auszubildenden angesehen. Dafür reichte die Zeit jedoch nicht aus. Deshalb haben wir den vorbereitenden Besuch und den Aufenthalt der Auszubildenden miteinander verbunden.

Vor der Reise hatten wir bereits zehn bis zwölf Online-Termine mit den Dozenten und Ansprechpartnern vor Ort. Trotzdem blieb ein gewisses Restrisiko, ob das Angebot für unsere Auszubildenden tatsächlich so gut passen würde wie erhofft.

Glücklicherweise hat alles sehr gut funktioniert. Der große Vorteil war, dass wir die ersten Erfahrungen gemeinsam gemacht haben. Wir konnten uns direkt mit den Auszubildenden über Unterschiede und Überraschungen austauschen.

Zum Beispiel finden am College einige Kurse abends statt, weil viele Studierende tagsüber arbeiten. Das war uns vorher nicht in dieser Form bewusst. Das College hat aber auf Grundlage der Bedingungen vor Ort ein sehr gutes Programm für unsere Gruppe zusammengestellt.

Ich fand die gemeinsame erste Woche optimal. Auch bei zukünftigen Aufenthalten wäre es aus meiner Sicht sinnvoll, wenn ein oder zwei Personen die Gruppe begleiten könnten. Ob das finanzierbar ist, muss allerdings jeweils geprüft werden.

Wie hat sich der Aufenthalt auf die Auszubildenden ausgewirkt?

Vor Ort hatte schnell jeder seine Rolle. Einer der Auszubildenden kümmerte sich sehr genau um die Finanzen, ein anderer behielt Wege und Treffpunkte im Blick. Die Auszubildenden wohnten gemeinsam und organisierten ihren Alltag weitgehend selbst.

Einige waren vorher noch nicht viel allein unterwegs gewesen. Einer der Teilnehmer ist bereits Vater eines kleinen Kindes und musste den Aufenthalt mit seiner Partnerin und seiner Familie organisieren. Für alle war es eine wichtige Erfahrung, über einen längeren Zeitraum außerhalb ihres gewohnten Umfelds zurechtzukommen. Auch zunächst zurückhaltende oder skeptische Teilnehmer öffneten sich. Die Auszubildenden trafen sich mit amerikanischen Studierenden aus ihrem Schweißkurs, besuchten gemeinsam Baseballspiele und berichteten uns begeistert von ihren Erlebnissen.

Karolin Seeberger
Es war ein ganz, ganz tolles Miteinander und wirklich eine ganz entspannte, vertrauensvolle Gruppe.

Die Kontakte zu den amerikanischen Studierenden bestehen auch nach dem Aufenthalt weiter. Die Teilnehmenden tauschen sich unter anderem über Instagram aus.

Hat der Aufenthalt auch berufliche Perspektiven verändert?

Bei einem Auszubildenden war sehr deutlich zu erkennen, dass sich durch den Aufenthalt neue Möglichkeiten eröffnet haben. Er hatte bereits überlegt, nach seiner Ausbildung zu studieren. Nach der Reise beschäftigte er sich intensiver mit der Frage, ob er vielleicht einen Teil des Studiums in den USA absolvieren könnte. 

Ein anderer Teilnehmer hatte ursprünglich vor, seine Ausbildung zu verkürzen. Als sich die Chance auf den Aufenthalt in Chicago ergab, entschied er sich dagegen, damit er teilnehmen konnte. Nach der Reise sagte er, es sei die beste Entscheidung gewesen, seine Ausbildung für diese drei Wochen nicht zu verkürzen. Das war für uns das beste Feedback, das wir bekommen konnten.

Welche Förderprogramme haben Sie genutzt?

Die Aufenthalte der Auszubildenden wurden über AusbildungWeltweit gefördert. Für den vorbereitenden Besuch der Lehrkräfte nutzten wir eine Förderung der Joachim Herz Stiftung.

Da die Auszubildenden und die Lehrkräfte unterschiedliche Zielsetzungen hatten, mussten zwei getrennte Projekte geplant werden. Gleichzeitig war darauf zu achten, dass keine Doppelförderung entstand.

Zu Beginn hatten wir viele Fragen: Was ist förderfähig? Welche Kriterien müssen erfüllt werden? Wie lange können die Auszubildenden bleiben? Und reicht die Förderung aus?

Besonders hilfreich war für mich die persönliche Beratung durch AusbildungWeltweit. Die Webseite war hilfreich, aber das persönliche Gespräch war wesentlich wichtiger, weil wir dort unsere konkreten Fragen stellen konnten. Wir haben klare Antworten und hilfreiche Tipps bekommen. Das war die Grundlage dafür, dass wir überhaupt planen konnten.

Die administrative Abwicklung zwischen Schule und Schulbehörde blieb trotzdem sehr aufwendig. Teilweise mussten wir privat mit mehreren Tausend Euro in Vorleistung gehen und wussten nicht genau, wann wir das Geld über die Schulbehörde zurückbekommen würden.

Karolin Seeberger
Es war ein Mammutprojekt. Es war die Arbeit wert, aber die finanzielle und administrative Abwicklung würden wir so nicht gerne noch einmal machen.

Auch die Einreisebestimmungen mussten wir genau prüfen. Da die Auszubildenden kein Vollzeitpraktikum in einem Betrieb absolvierten, sondern ein College besuchten und dort an praktischen Kursen teilnahmen, war nach unserer Klärung für diesen Aufenthalt die Einreise mit ESTA möglich.

Wie soll es weitergehen und welchen Mehrwert sehen Sie für Schule und Ausbildungsbetriebe?

Unser Ziel ist grundsätzlich gesetzt: Wir möchten den Austausch gerne jedes Jahr zu einem festgelegten Zeitpunkt anbieten. Künftig sollte der Zeitraum besser zu den Prüfungen und den betrieblichen Abläufen passen.

Als nächster Schritt ist ein Gegenbesuch vorgesehen. Ende März sollen Vertreterinnen und Vertreter des Daley College nach Hamburg kommen. Im besten Fall würden auch einige Studierende mitreisen. Ob das möglich ist, hängt jedoch von den verfügbaren Fördermitteln ab.

Gleichzeitig wollen wir mit unseren Ausbildungsbetrieben darüber sprechen, wie sie sich beteiligen können. Einige Betriebe waren bereits beim ersten Durchgang bereit, einen möglichen zusätzlichen Beitrag für ihre Auszubildenden zu übernehmen.

Die Betriebe profitieren davon, wenn ihre Auszubildenden mit neuen Erfahrungen zurückkommen. Außerdem können sie bei der Suche nach Nachwuchs damit werben, dass während der Ausbildung die Möglichkeit für einen Auslandsaufenthalt besteht.

Ob und wann ein weiterer Aufenthalt in Chicago möglich ist, hängt allerdings auch von der politischen Entwicklung und den Bedingungen für die Einreise ab. Die Schulleitung steht grundsätzlich hinter dem Projekt. Wir haben aber nicht alle Rahmenbedingungen selbst in der Hand.

Was raten Sie anderen Einrichtungen, die einen Auslandsaufenthalt planen?

Wenn eine Einrichtung zum ersten Mal einen Austausch organisiert, würde ich empfehlen, mit einer kleinen Gruppe zu beginnen. Es ist außerdem hilfreich, die Auszubildenden bereits etwas zu kennen und einschätzen zu können. Sie repräsentieren vor Ort die Schule und ihre Ausbildung. Gleichzeitig müssen sie bereit sein, sich auf die neue Situation einzulassen.

Besonders wichtig ist, die administrativen und finanziellen Abläufe frühzeitig zu klären. Dazu gehören die Förderbedingungen, die Zuständigkeiten in der Schule und bei der Schulverwaltung, die Vorfinanzierung, die Buchung von Flügen und Unterkunft sowie die Einreisebestimmungen. Rückblickend hätte ich gerne eine Übersicht gehabt, die den gesamten Prozess Schritt für Schritt darstellt: Welche Institutionen sind beteiligt? Welche Unterlagen werden benötigt? Welche Fragen müssen zu welchem Zeitpunkt geklärt werden? Für ein weiteres Projekt würde ich die einzelnen Schritte von Anfang an genau dokumentieren. 

Karolin Seeberger
Trotz des großen Aufwands fällt mein Fazit positiv aus: Man muss manchmal einfach anfangen. Es war sehr viel Arbeit, aber es hat sich gelohnt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Seeberger!

Das Interview wurde mit KI-Unterstützung transkribiert und verschriftlicht.

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